[Rezension]
Kompass ohne Norden

November 12, 2018


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Neal Shusterman - Kompass ohne Norden

Genre: Roman
Reihe/Band: Einzelband
Schlüpftag: 20. August 2018
Verlag: Hanser Literaturverlage
Seitenanzahl: 352 Seiten
Ebook: 14,99 € ; Print: 19,00 €
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Inhalt:

Caden hält sich für einen normalen Jungen.
Doch sein Verstand ist ein krankhafter Lügner, der sich auf fantastische Reisen begibt.
Manchmal befindet Caden sich auf dem Weg zum tiefsten Punkt der Erde im Marianengraben, auf einem Schiff, auf dem die Zeit seitlich läuft wie eine Krabbe, verwittert von Millionen Fahrten, die bis in die finstere Vergangenheit zurückreichen. Und in der Realität lässt Cadens Verstand harmlose Dinge wie einen Gartenschlauch zur tödlichen Gefahr werden.
Als die Grenze zwischen realer und fantastischer Welt verschwimmt, begreift Caden:
In den Tagen der Bibel hätte er vermutlich als Prophet gegolten, doch heute lautet die Diagnose: Schizophrenie.

Meinung:

Kennt ihr die Redewendung „wie ein Fass ohne Boden“?
So fühlt es sich an Caden zu sein. Wisst ihr, woher ich das weiß?
Neal Shusterman hat es mir durch „Kompass ohne Norden“ gezeigt.
Es ist wie mit dem Strudel. Wie mit dem Hurrikan. Wie mit dem gelben Trichter.
Wie bei Treibsand oder dem komischen Gel, auf dem man immer laufen muss, damit man nicht feststeckt.

„Ich bin diese Münze auf dem Weg nach unten, ich schreie im Hals des Trichters,
und nur meine eigene Bewegungsenergie und die Zentrifugalkraft
bewahren mich vor dem Sturz ins Dunkel.“

(Seite 21)

Ich will jetzt nicht sagen, dass mich Cadens Geschichte emotional mitgenommen hat.
Es ist viel mehr ein Gefühl beim Lesen gewesen, das sich schlecht beschreiben lässt.
Vielleicht lässt es sich aber gut mit Cadens Ungeheuern verdeutlichen:
Ich habe mich gefühlt, als würde mich unablässig ein Tentakel in die Tiefe ziehen, nur um vom weißen Wal wieder durch die Meeresoberfläche gedrückt zu werden. Versteht man das?
Denn ich, ich habe verstanden. Habe meine eigenen Linien gezogen und Verknüpfungen hergestellt. All das getan, was Caden in seinem Zustand nicht konnte.

Cadens Welt, die der Autor uns beschreibt, wird durch seine Worte erschreckend real.
Hinzu kommen die vereinzelten Zeichnungen, die hin und wieder das Gefühl der Verlorenheit und des Chaos und des Ertrinkens und Nicht-Wissens unterstreichen. Auch die Kapitellänge weist auf bestimmte Dinge hin, die einem beim Lesen dann offenbart werden.
Ich, für meinen Teil, habe das Muster erkannt - vielleicht bin ich aber auch paranoid genug, um dort ein Muster zu sehen, wo keins ist? Und genau das macht diese Geschichte so authentisch.
Sie lässt den Leser an seinem eigenen Verstand zweifeln, sofern er noch einen besitzt und dieser nicht durchs linke Nasenloch entschlüpft ist.
Deswegen seid gewarnt: Dieses Buch umschreibt das meeresrauschende, bodenlose Chaos einer tiefen Depression, Schizophrenie und Paranoia - es führt Krankheitsbilder vor Augen, die sich viele Menschen nicht einmal vorstellen können.

„Nein, mir geht es gut“, sagst du und gehst weg.
Du sagst dir, dass alles in Ordnung ist, wenn du den Heimweg findest.
Hier ist kein Wal, der dich verschlingen will.
Was an dir nagt, arbeitet von innen heraus.“

(Seite 138)

Ich habe selten in einer Geschichte so viele Stellen markiert, die ich mit der Welt teilen will.
Die ich eigentlich teilen muss, aber nicht kann, weil die Rezension sonst zu lang wird und ihr dieses Buch ja noch selbst erleben müsst. Ich finde, dass diese Geschichte eine sehr, sehr gute Lektüre für Eltern und Familien ist, die Betroffene kennen und nicht wissen, nicht verstehen, nicht damit umgehen können. Ich war Caden. Ich war seine Krankheit, die eigentlich keine sein sollte.
Ich war mit ihm auf dem Schiff seiner Gedanken, habe Seeungeheuer bekämpft und war der Zwiespältigkeit seines Geistes ausgesetzt.

Dieses Buch greift tief. Tiefer als andere Geschichten.
Es lässt den Leser nicht los und reißt ihn mit in die Fluten der Welt, wo die Grenzen verschwimmen. Aus der Sicht von Caden wird seine Schizophrenie geschildert. Anfangs war ich... verwirrt.
Ich wusste nicht genau, wie ich die Sprünge zwischen Cadens Familien/normalem Leben und seinen, wie er es nannte und dann doch wieder nicht, Träumen, deuten sollte.
Das Begreifen setzt erst nach einer Weile ein.
Und dann gab es für mich kein Halten mehr.

Doch der Autor erzählt nicht nur sehr bildhaft von der Krankheit seines Sohnes, sondern auch vom Heilungsprozess. Vom Hoffen und Bangen.
Vom Lachen und Weinen und von den schlimmen Seiten. Schonungslos. Ohne Rücksicht auf Verluste.
Er greift mit seinen Worten tief in die Psyche ein und formt sie dort von seinen wahnsinnig tollen Metaphern zu etwas Greifbarem. Ich kann bei diesem Buch nicht mal von Spannung sprechen.
Das würde dem nicht gerecht werden. Ich kann nur jedem ans Herz legen sich mit Caden auf Reisen zu begeben.

„Diese Jungen und Mädchen sind mit furchtbaren Dämonen gestraft, und du willst dich abwenden,
wegrennen, dir die Ohren zuhalten, aber du bist zum Zuhören gezwungen, weil es „therapeutisch“ ist.
Welcher verdammte Vollidiot hat wohl beschlossen, dass man verkorkste Jugendliche
am besten damit quälen sollte, sich die realen Albträume aller anderen anzuhören?“

(Seite 170)

Fazit:

„Kompass ohne Norden“ ist so richtungsweisend, wie der Name irreführend ist.
Es ist emotional, Knall auf Fall und schickt die Fantasie in ungeahnte Abenteuer, die endloser sind als das Universum. Cadens Krankheit ist schreckliche Realität und seine Geschichte es wert gehört, gelesen, geschrien und gesungen zu werden.
Was der Autor hier geschaffen hat ist der pure Wahnsinn.
Wahnsinn sowohl im übertragenen als auch im wörtlichen Sinne.

Begebt euch mit Caden auf das Schiff. Bohnert die Planken, putzt die Kajüten, klettert ins Krähennest und findet zusammen mit ihm einen Ausweg.
Vom Grund des Meeres kann man immer noch ein Lichtlein sehen, oder?

Bewertung:

⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ (5/5)

Weitere Meinungen:

„[...]Man kann förmlich fühlen, dass der Autor genau weiß,
von was er da schreibt und dem Leser nicht nur ein Gefühl der kompletten Verzweiflung
sondern auch der Hoffnung übermittelt. Noch nie hat mich ein Buch,
das dem Leser eine psychische Erkrankung annähernd verstehen lassen will,
so sehr an meine emotionalen Grenzen gebracht.
Kompass ohne Norden ist etwas ganz Besonderes und Einzigartiges. Es ist einfach echt.
Ich kann Neal und Brendan Shusterman gar nicht oft genug danken,
dass sie uns diese Einblicke in ihr Privatleben gewähren und helfen,
Verständnis statt Ablehnung gegenüber den Erkrankten aufzubauen.[...]“

(Booknerds by Kerstin)

"Kompass ohne Norden" hat mich nicht nur völlig gebannt an die Seiten gefesselt,
es hat mich auch nach dem Lesen lange nicht losgelassen.
Sehr beeindruckend, realitätsnah und metaphorisch zugleich beschreibt Neal Shusterman
den Alltag eines Jungen mit Schizophrenie und bipolarer Störung.
Das hat mich fasziniert (auch wenn ich nicht weiß, ob Faszination hier angebracht ist)
und sehr berührt. Ein solches Buch kann gewiss nicht heilen,
aber es kann Betroffenen Mut machen und Nicht-Betroffenen
Verständnis und konkrete Einblicke schenken.“

(Damaris liest.)

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